Was sieht eine regenerative Wirtschaft aus?

Nachfolgenden findet ihr einen kurzen übersetzten und leicht ergänzten Auszug aus meinem Skriptum, das ich im Rahmen der Nachhaltigkeitsvorlesung an der Fachhochschule Kufstein verwende.

Ökologische und soziale Aspekte von Regeneration

Bevor wir uns einer Annäherung Regeneration im ökologischen Bereich kann so definiert, dass wir mit den natürlichen Flüssen (flow) von Nährstoffen, Wasser oder CO₂ arbeiten und dabei mit unserem Tun zur Gesundheit eines Ökosystems beitragen.

Von Regeneration im Kontext des Sozialen können wir reden, wenn ein Unternehmen mit dem Ziel agiert, nicht nur das Wohlergehen von Kunden und engsten Interessensgruppen wie den Aktionären (Stakeholder) zu steigern, sondern die Geschäftsaktivitäten einer breiteren Gruppe von Begünstigten, einer benachteiligen sozialen Gruppe oder im Falle einer Veranstaltung etwa der Gemeinschaft der ausrichtenden Gemeinde insgesamt zugutekommen. Ein interkulturelles Food-Festival mit und von den Bürgern eines Stadtviertels etwa trägt ganz anders zum Zusammenhalt der Gemeinschaft bei als ein klassisches Konzert, das in einem Theater in dem Stadtviertel aufgeführt wird.

Wie können wir nun aber regeneratives Wirtschaften definineren?

Eine regenerative Wirtschaft verschreibt sich einem gesunden bio-regionalem System, und dem Zusammenspiel von Mensch und Natur darin.

Viele Autoren verstehen Wirtschaft als Teil der Gesellschaft und Gesellschaft oder uns Menschen wiederum Teil der Natur (auch sozio-ökonmisches System genannt). Der ehemalige Geschäftsführer von JP Morgen teilt dieses Verständnis. Für Ihn ist regeneratives Wirtschaften:

Ausgehend von dem Verständnis, dass die Wirtschaft ein Teil der Gesellschaft und die Gesellschaft ein Teil eines sozioökologischen Systems ist, können wir eine regenerative Wirtschaft anhand der Welten des ehemaligen Geschäftsführers von JPMorgan John Fullerton definieren:

„Wirtschaftliche Stärke ist ein Produkt menschlicher und gesellschaftlicher Vitalität, die auf ökologischer Gesundheit und der integrativen Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und Potenziale beruht.“

Fullerton, 2015, S. 40

Es geht darum, die wirtschaftlichen Regeln an der Gesundheit der uns umgebenden Natur und einem guten Leben für uns alle auszurichten. Wenn wir die Rahmen so ändern, dass nicht die "gewinnen" die am meisten Geld horten, sondern die, die am meisten zur Gesundheit und Wohlbefinden von Mensch und Natur beitragen: wie würde ein Wirtschaftssystem dann wohl aussehen?

Regeneratives Wirtschaften: Sozialismus 2.0?

Bei der regenerativen Ökonomie geht es also nicht darum, den Kapitalismus durch den Sozialismus zu ersetzen. Es geht nicht um Smith gegen Marx oder um links gegen rechts. Es geht um einen Paradigmenwechsel im Wirtschaftsverständnis. Es geht darum, der Wirtschaft ein neues Ziel zu setzen. Auch zu diesem Ziel hat sich Fullerton Gedanken gemacht:

„Nicht nur eine Mittelposition, sondern eine wirksame Integration des Besten von rechts und links, kombiniert mit einem modernen wissenschaftlichen Verständnis darüber, wie das Universum tatsächlich funktioniert, das wir übrigens im Zeitalter von Adam Smith oder Karl Marx noch nicht hatten! Im Einklang mit einem eher linksgerichteten politischen Denken wird die regenerative Ökonomie ein neues Licht auf die Bedeutung von Gerechtigkeit und die Unhaltbarkeit hoher und wachsender Ungleichheit werfen. Aber ebenso wird es im Einklang mit einem eher rechtsgerichteten politischen Denken die Dynamik eines wirklich freien Unternehmersystems umfassen, das sich die einzigartige Essenz der individuellen menschlichen Kreativität und Tatkraft zunutze macht.“

Fullerton, 2015, S. 39

Wir dürfen einen Schritt zurück machen und uns fragen: Was ist das, was politisch aktuell nicht debattiert und von den Medien nicht thematisiert wird? Welche Leitsterne treiben die wirtschaft heute an und welche könnten das in Zukunft sein?

Ausrichtung einer regenerativen Wirtschaft

Eine regenerative Wirtschaft verschreibt sich einem gesunden bio-regionalem System, dass aus der Gemeinschaften von Mensch und Natur besteht. Also nicht nur einer gesunden Natur, sondern auch dem Wohlbefinden der Menschen, die dauerhaft in dieser Bioregion leben. Regeln und Institutionen wie unser Geld- und Bankensystem, aber auch die Steuern, sorgen dafür, dass sozial und ökologisch unverträgliche Prozesse entweder keinen Raum mehr haben oder aber durch wirksamen Mechanismen ausgeglichen werden.

Unter anderen wird eine überproportionale Ansammlung von Geld, Macht und Besitz hat in einer regenerativen Wirtschaft ebenso wenig Platz haben, wie das ewige Streben von immer mehr Produktion und Konsum. Alle möglichen Pflege- und Fürsorgetätigkeiten (von Altenpflege und Mutterschaft bis zur Renaturierung von Auen) werden strukturell im Design des Geld- und Finanzsystems verankert und gesichert und eine Kreislaufwirtschaft als ganz zentraler Mechanismus gefördert. Gemeinschaften als Erschaffende von Wohlstand und Versorgung, wie etwas bei solidarischen Landwirtschaften, wird ebenso eine wichtige Rolle einnehmen wie eine Regionalisierung der Grundversorgung.

Zu jedem Thema gibt es noch viel zu sagen und noch viel mehr gemeinsam zu gestalten. Denn wie Yuval Noah Harari schon sagte: Wir dürfen nie vergessen, dass Wirtschaft, Geld und Nationen keine Naturgesetze sind, sondern von uns Menschen gemacht wurden und wir dürfen uns eingeladen fühlen, diese auch gemeinsam umzugestalten.


Fullerton, J., 2015. Regenerative Capitalism - how universal principles and patterns will shape our new economy, Greenwhich, USA: Capital Institute - the future of finance.

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