Die zwei Denkschulen in Social Business

Graphik mit freundlicher Genehmigung von thoughtco.com

Social Business ist – wie viele andere Konzepte – ein Begriff, der sich mit dem Kontext in dem er verwendet wird und dem Weltverständnis der Person die ihn gebraucht, graduell verändert. Mir ist das das erste Mal aufgefallen, als ich mich in meiner Zeit bei Nepal Social Business mit einem amerikanischen Investmentbanker von der Wallstreet unterhielt. Dieser erklärte mir mit felsenfester Überzeugung, dass das, was wir in Jumla machten zwar schön und gut wäre, aber eigentlich kein richtiges Geschäft (business). Die Lösung zu unseren sozialen Problemen könne nur von großen Konzernen und skalierbaren Geschäftsmodellen kommen. Nur durch diese könne eine Ökonomie wachsen und gedeihen.

Umso mehr Gespräche ich mit Experten aus „dem gleichen Feld“ führte, umso mehr kristallisierte sich eine gewisses Muster heraus. Während ich mich mit einigen sofort verbunden fühlte und eine gemeinsame Sprache hatte, gab es auch immer wieder Gesprächspartner, bei denen ich das Gefühl hatte wir redeten aneinander vorbei, obwohl wir beide von Social Business gesprochen haben. Ähnlich ging es mir bei der Lektüre von Büchern: Während die einen eine Quelle tiefer Inspiration waren, gaben mir andere das Gefühl ständig nur an der Oberfläche zu kratzen und etwas Wesentliches zu übersehen (wobei ich das nie benennen konnte).

Dieser Widerspruch ein Vertreter von Social Business zu sein, während mich gleichzeitig einige der populären Bucher und Reden mit tiefer Skepsis erfüllten, war ein Rätsel, das ich einige Jahre lang mit mir herumtrug, aber dann auch in Anbetracht anderer Dinge über die Zeit auch wieder vergaß.

Ein Interview mit Rainer Mausfeld zum Thema Neo-Liberalismus, hat die Frage wieder zu Tage gefördert und mich zu einer Antwort inspiriert: Im Dunstkreis der Social Business Vertreter gibt es zwei verschiedene Denkschulen:

Die erste Schule möchte ich die neo-liberale Schule nennen. Autoren dieser Denkweise vertreten die Meinung, dass die Lösung zu (all) unseren Problemen darin liegt, alle zwischenmenschlichen Aktivitäten über ein Geschäftsmodell zu lösen und dass – wenn wir nur lange genug daran arbeiten – sich für jedes Problem ein Geschäftsmodell finden lässt. Für sie können kommerzielle Organisationen (im Vergleich zu Aktivitäten der Gemeinschaft, gemeinnützigen Vereinen oder dem Staat) sich nicht nur um die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen sondern auch um die Verteilung von Sozialleistungen kümmern. Diese Sichtweise ist tief in einem neo-liberalen Weltbild verankert und  verwendet entsprechende Fachbegriffe wie Skalierung von Einfluss, Fremdfinanzierung (leverage) und andere Investmentbankerterminologie. Die Idee, dass Wachstum essentiell für den Wohlstand einer Gesellschaft ist (auch wenn es keine empirischen Hinweise darauf gibt), ist sowohl zentrales Element wie auch unhinterfragte Grundannahme in dieser Richtung. Zu Vertretern dieser Denkschule gehören u.a. Micheal Porter mit seinem Konzept des shared value (dt. geteilter Wert) aber auch Nobelpreiseträger Professor Mohammed Yunus, welcher den Begriff Social Business geprägt hat und auch für mich persönlich der inspirierende Impuls war, mich näher mit Social Business zu beschäftigen.

http://steph-mcmillan.tumblr.com/post/40679619079/infinite-growthDieser ersten Schule gegenüber steht eine zweite Denkschule, welche ich die transformative Schule nennen möchte.  Vertreter dieser Sektion sprechen sich dafür aus, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem überdacht gehört und sich die Beziehung zwischen (sozialen) Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen produzieren, auf der einen Seite und der Umwelt und den Menschen auf der anderen Seite grundlegend ändern muss. Schlüsselwörter die dabei von dieser Gruppe immer wieder verwendet werden sind Transformation, human centered design (auf den Menschen fokussiertes Design). Darüber hinaus haben Vertreter dieser Richtung eine gesunde Skepsis gegenüber Wachstum gemein. Zu den bekannteren Verfechtern dieses Ansatzes gehören Autoren wie Rob Hopkins vom Transition Network, Christian Felber von der Gemeinwohlökonomie oder der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef.

Ich ordne mich selber mit voller Hingabe der zweiten Gruppe zu. Nicht nur, weil mich die Konzepte der oben genannten Autoren inspirieren sondern auch durch Bücher, wie Poor Economics, die die Wirkung von Social Business empirisch geprüft haben. Ihr Fazit: bei gewissen Problemen in der Entwicklungshilfe kann ein Geschäftsmodell hilfreich sein, bei wieder anderen aber ist es besser der Staat oder die internationale Gemeinschaft greift ein oder man stärkt das Gemeinwesen. Dieser Gedanke wird auch von Vordenkern wie Amartya Sen, welcher den Alfred-Nobel Gedächtnispreis in Wirtschaftswissenschaften trägt und eine Ökonomie für den Menschen bewirbt. Seine These: die ökonomischen Fähigkeiten (capabilities) alleine reichen nicht aus um das Wohlbefinden einer Person zu verbessern. Es braucht Verbesserung und (qualitatives) Wachstum in vielen anderen Ebenen. Zu meiner Wachstumsskepsis und meinen kritischen Blick auf das Finanzsystem haben Wirtschaftsökonomen wie Bernd Senf beigetragen, welche klar zeigen wie sehr unser momentanes Finanzsystem zu globaler und lokaler Ungleichheit und daraus entstehenden sozialen Problemen beiträgt. Am überzeugendsten jedoch fand ich das simple Argument aus den Naturwissenschaften: Es gibt nicht genug Ressourcen für ewiges Wachstum. Nachdem es kein wirtschaftliches Wachstum ohne einen wachsenden Ressourcenverbrauch geben kann und wir den Weltüberlastungstag bereits jetzt schon Anfang August haben, kann Wachstum nicht die Lösung sein. John C. Ayers  hat sich äußerst ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und das Buch Sustainability: an evironmental perspective publiziert, welches für mich zur Pflichtlektüre für alle gehört, die behaupten nachhaltig zu handeln.

Sich diese zwei Schulen bewusst zu machen, hilft nicht nur, wenn man Missverständnisse vermeiden möchte. Es ist für mich auch Teil der Lösung. Denn auch wenn für mich die meisten Ansätze der neo-liberalen Vertreter nicht weit genug gehen, sehe ich doch die wichtige Rolle die sie dabei spielen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Masse auf die sozialen und ökologischen Probleme unserer Zeit zu lenken. Vorreiter der transformativen Schule, auch wenn sie sich auf Fakten berufen, sprechen leider oft nicht die Sprache derer, die sie erreichen möchte und werden dadurch oftmals von Journalisten sowie hochrangingen Vertretern der Politik und Ökonomie (zu unrecht) diffamiert. Die neoliberale Schule jedoch spricht noch die Sprache, die jene Ökonomen in der Schule gelernt habe und passt in deren Weltbild, so dass eine Lektüre von Mohammed Yunus zumindest mal die Augen öffnet dafür, dass nicht alle vom momentanen System profitieren. Mit etwas Glück gibt es ja auch noch andere, die danach nicht aufhören zu lesen und anfangen nachzudenken, wie es mit dem bestehenden System tatsächlich weiter gehen kann und dabei hoffentlich zu der Einsicht kommen, dass der eine oder andere Ansatz aus der transformativen Schule doch nicht so unberechtigt ist.